Gerade Ostern gibt uns den Mut, auch über das Schwere zu reden. Mit dem Osterereignis ist der Tod überwunden. Und damit lichtet sich vielleicht auch sein dunkler Anweg: das Sterben.
„O Herr, gib jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not.“ Diese Gedichtszeilen notierte Rainer Maria Rilke in seinem Stundenbuch. Diese Bitte ist vielleicht das wichtigste Postulat in einer Gesellschaft, die Berührungsangst vor dem Tod hat, die antwortlos vor der „Sinnlosigkeit“, dem „Unsinn des Todes“ steht.
„…gib jedem seinen eignen Tod.“ Dieses Postulat wehrt sich gegen alle Tendenz, das Sterben und den Tod aus der Öffentlichkeit zu verbannen, den Umgang mit den Sterbenden an die Fachleute zu delegieren. Diese Bitte mahnt vor Rilkes Prophetie eines fabrikmäßigen Sterbens im Krankenhaus: massenhaft, routiniert, kalt und seelenlos, unbegleitet zwischen Apparaturen hängend. Wir sind herausgefordert, uns so um unsere Sterbenden zu kümmern, dass der Sterbende selber sein letztes Stück Leben bestimmen kann. Dass er nicht gleichsam gestorben wird. Dass er weder den Tod der Ärzte noch der Angehörigen stirbt, sondern seinen eigenen. Ihn vielmehr zu unterstützen, damit sein Wille die Dramaturgie seines Sterbens bestimmt. Im modernen medizinischen Umfeld wurden dafür das Wort und die Praxis der „Palliative Care“ geprägt. Pallium, das ist der lateinische Name für Mantel. Not und Schmerz, Angst und Fragen des Sterbenden werden nicht beseitigt, aber ummantelt. Der Mensch wird darin unterstützt, sein Sterben in Würde und Charakter zu durchleben, geschützt durch Intimität, aber nicht abgeschoben. Das Sterben eines Menschen ist so einzigartig wie seine ganze Biographie. Die Vielfalt von Wertvorstellungen und Lebensentwürfe, in denen Patchwork-Abschnitte dominieren, fordern die Begleitenden wie nie zuvor. Das Begleiten zum Tod ist zur unabweisbaren Aufgabe im Krankenhaus geworden.
„…gib jedem seinen eignen Tod.“ Diese Bitte erinnert aber auch jeden von uns, das eigene Sterben als letzte Aufgabe im Leben zu begreifen. Sie ist Herausforderung an den Sterbenden selbst. Rilke schreibt: „Denn dieses macht das Sterben fremd und schwer, dass es nicht unser Tod ist; einer der uns endlich nimmt, nur weil wir keinen reifen.“ Wenn der Tod nicht aus unserem eigenen Leben heraus reift, dann wird uns ein fremder Tod nehmen, dann wird das Sterben entfremdet und schwer. Sterbeprozesse – wenn man sie nicht eingeengt auf die „terminale Phase“ versteht – sind zeitlich oft gedehnte Räume des Überganges und Reifens. Für mich auch heiliger Boden, den man als Begleiter und Freund betritt.
In diesem Übergang finden oft unsichtbar und kaum merklich letzte Reifungen statt, nochmalige Identitätsfindung, tiefgreifende Abschiede, wichtige Bereinigungen und Versöhnungen. Manche Menschen finden ringend vom Lebens-Nein zum Lebens-Ja, von der lebenslangen Angst zu Vertrauen. Manche sind gerade jetzt so ganz weich und beziehungsfähig; das Zusammensein hat eine nie gekannte und erlebte Tiefe. Manche Menschen sind erst jetzt in ihrer „Essenz“, ihrer Eigentlichkeit angekommen, in dem, was sie nicht selbst sich zuschreiben, sondern in dem, was sie im tiefsten Wesen ausmacht. Vieles darf auch unerledigt bleiben. Aber das Unerledigte und Gescheiterte verliert seine Bitterkeit. Die Zeit der Gegensätze und Kämpfe ist durchgestanden, persönliche Wegleistungen sind anerkannt, Gefühl von Würdigung entsteht. Dann kann man auch das zurück lassen, weitergehen. Die letzte Wandlung bricht an: Raum und Zeit verlieren an Bedeutung, selbst die Menschen, die einen festhalten wollen; die Präsenz im eigenen Körper, die ein Leben lang aufgebaute Identität im Ich wird losgelassen und gewandelt, weit, gütig, licht: der Tod, der eigene.
„gib jedem seinen eignen Tod.“ Drittens ist diese Bitte ein dringlicher Appell, Sterbende nicht allein zu lassen. Niemand sollte vereinsamt sterben. Ein Sterben, zu dem man reif wird, ein Tod, der der eigene ist, braucht die Anwesenheit anderer. „Nur in der praktischen Solidarität mit denen, die einzig ‚kompetent’ sind: in der Nähe ihrer Schreie, Leiden und Schmerzen lässt sich der Tod ‚bewältigen’ und die Auferstehung glauben.“ (Tiemo Rainer Peters) Gegen die Einsamkeit des Sterbens können wir einander im Leben die Liebe bezeugen, die den anderen begleitet bis an den Rand des Dunkels heran. Manchmal haben mich Sterbende in einem Austausch über die Hoffnung des Himmels mit großen prüfenden Augen angeschaut: „Glaubst Du das wirklich?!“ Als Mitmensch, als Mitchrist habe ich, wenn sich solche heiligen Begegnungsräume eröffnen, die Aufgabe, begleitend mit dem Sterbenden zu beten, für ihn Hoffnung zu bezeugen und auch seine Angst, Klage, seinen Protest auszuhalten.
Viele Menschen sind hier verunsichert. Was erwartet mich? Was soll ich sagen? Halte ich das aus, Gerüche, Blicke, Hoffnungslosigkeit, den röchelnden Atem der Agonie? Gewinnt die Angst, dann bleibt der andere allein. Es braucht mein Mit-Sein: den Sterbenden an der Hand nehmen, berühren, mit ihm schweigen und beten, zuhören und erzählen lassen, behutsam fragen, glückliche Stunden in Erinnerung rufen, liebevoll anschauen, wachen…Oft wird das Sterben mit der Geburt verglichen. Ein Neugeborenes, das zur Welt kommt, versteht nicht, hat kein kognitives Bewusstsein, es fühlt einfach Wärme, Geborgenheit, es riecht die Mutter. Am Ende unseres Lebens hören auch die Gedanken auf, der Sterbende löst sich aus seinem kognitiven Bewusstsein, er fühlt aber Wärme, Geborgenheit.
Martin Luther hat das bekannte Lied geschrieben: Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen. Der Osterglaube lässt uns diesen Satz umdrehen: Mitten wir im Tod sind mit dem Leben umfangen. Mit dieser Hoffnung können wir unsere Sterbenden begleiten, ihnen unsere Liebe bezeugen. Wie der Philosoph Gabriel Marcel festhielt: Lieben heißt zum anderen sagen: Du wirst nicht untergehen!
Pfarrer Bernd Oberndorfer

Eintauchen / Freudvoll und lebensfroh taucht der Ostervogel in das Licht. Usra – die Morgenröte – nimmt ihn auf.
“Ins Leben kommen!”, spricht er – und erwacht.Schichtenpastell / Petra Pfaffenbichler 2012
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